Franta
"HOW LONG IS NOW ? "
Zur Eröffnung der Ausstellung mit neuen Arbeiten von Franta
laden wir Sie und Ihre Freunde herzlich ein.
Freitag, den 14.Oktober 2011, von 19.30 bis 22.00 Uhr
Der Künstler wird während der Ausstellungseröffnung anwesend sein.
Ausstellungsdauer: 14. Oktober 2011 bis 24. November 2011
| Begrüßung: |
Manfred Schmidt |
| Ansprache: |
Ralf Kulschewskij |
| Komposition für diese Ausstellung: "Hidden Heat" |
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Komponist Friedemann Graef |
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| Ausführende: |
Friedemann Graef - Saxophon |
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Jörg Schippa - Gitarre und live Elektronik
Lars Friedrich - Percussion
www.saxophoneconcepts.de
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Afrika – schrecklich und schön
Zu den neuen Werken des Malers Franta
Von Ralf Kulschewskij
„Ach, Afrika ...“ lautet nicht selten der Stoßseufzer, begleitet von einem resignierten Achselzucken,
sobald der gegenwärtige und anscheinend niemals endende desolate Zustand des „schwarzen Kontinents“
zur Sprache kommt. Die Schreckensnachrichten in den Medien lassen ja auch nicht nach:
Hunger, Elend, Korruption und Gewalt bestimmen unser Bild, das wir uns aus der Ferne machen. „Eigentlich hatte ich Afrika schon aufgegeben. Mit jeder Nachricht von einem neuen Bürgerkrieg oder
einer Hungersnot verlor sich (...) die Hoffnung, dass sich die Lebensumstände der Menschen dort bessern
würden,“ lautete unlängst das Fazit eines Journalisten, der sich dann aber doch zu einer unkonventionellen
Hilfe entschloss (Reiner Luyken, Die Zeit vom 20.4.2011).
Das andere, romantisch idealisierende Afrika-Bild ist geprägt von einer faszinierenden Tierwelt, von
zu Tamtamtrommeln tanzenden Eingeborenen und einer unübersehbar vielfältigen und formenreichen
Kunst von Masken, Perlenschmuck, Ahnenfiguren und Nagelfetischen. Schrecken und Exotik, die nicht
leicht auf einen Nenner zu bringen sind. Die anhaltende Dürrekatastrophe in Somalia mit verzweifelnden
Hungernden und das neue Popsongalbum der Franko-Nigerianerin As¸a – wie kann dies
nebeneinander existieren und Aussagewahrheit und Zeugniskraft beanspruchen? Das „wilde, dunkle
Afrika“, das der Homo sapiens vor etwa 60.000 Jahren verlassen hat, ist uns noch nach fast fünfzigjährigen
Bestrebungen zur Dekolonialisierung ein Rätsel. Prominente Afrikakenner indes äußern sich
verhalten optimistisch. Der schwedische Schriftsteller Henning Mankell fordert uns auf, den afrikanischen
Menschen zuzuhören und sie als ebenbürtig zu betrachten. Der Düsseldorfer Sozialwissenschaftler
Walter Eberlei beobachtet in den meisten Staaten südlich der Sahara eine zunehmend politisch einflussreiche Zivilgesellschaft. Und der Schweizer Soziologe Jean Ziegler stellt fest: „Die Weltwirtschaft
könnte zwölf Milliarden Menschen normal ernähren, das Doppelte der Weltbevölkerung.
Wir tun es aber nicht. Alle fünf Sekunden verhungert ein Kind.“
Einen eigenen Weg des Engagements für Afrika hat der tschechisch-bürtige französische Künstler Franta
seit seinen ersten Reisen und Aufenthalten in Kenia, Mali, Niger, Burkina Faso, Senegal und Gambia
Anfang der Achtzigerjahre eingeschlagen. Prägnant hat dies Evelyne Artaud in ihrer Monographie über den 1930 geborenen Maler in Worte gefasst: „Ein Schrecken wohnt der Malerei von Franta
inne, ein Schrecken, der groß ist und eigenartig; und der seltsam anrührt. Es ist eine unmittelbar körperliche
Malerei, eine Malerei, die unmittelbar aus der körperlichen Geste entstanden ist und zum
Körper spricht, aber eher noch eine Malerei der dargestellten Körper, eine Körperschrift, in der der
Körper zum bedeutungsstiftenden Element einer Sprache wird, die durch ihn neu entsteht, ein Versuch,
den zerstörten Menschen neu wieder erstehen zu lassen“ (Editions Cercle d’Art, Paris 2000, entstanden
unter Beteiligung der Galerie Art 204; deutsche Übersetzung von Bernadette Ott).
Drei etwa gleichgroße Hochformate (in Mischtechnik auf starken Büttenkarton gemalt, sodann auf Leinen
aufgezogen) zeugen von der tiefgehenden Sympathie des Künstlers mit den afrikanischen Menschen.
Ein sitzender Mann im Profil: „Seul“, ein anderer frontal: „Solitude“ sind eindringliche Thematisierungen
der Einsamkeit. Wobei die unterschiedliche Farbigkeit der Inkarnate dieser männlichen Akte
durchaus individuellen Hautpigmentierungen entsprechen kann, auch wenn eine porträthafte Abbildung
der Personen nicht beabsichtigt ist. Die delikate Kolorierung findet sich in dem Gemälde eines
einander zugewandten Paares noch in gesteigerter Qualität. Die Intimität dieser Bilder Frantas erinnert
an die japanischen Ukiyo-e, die „Bilder der fließenden, flüchtigen, vergänglichen Welt“ (beispielsweise
eines Hokusai). Ob die dargestellten Personen nun aber allein sind oder zu zweit oder zu mehreren – sie alle kennzeichnet eine intensive Nähe, jedoch ohne die geringste Aufdringlichkeit. Bei
aller Offenheit und Nacktheit verbleibt ihnen eine deutliche Distinguiertheit und Würde. Frantas Malerei
ist fundamental human. Das gilt auch für die nicht weniger kostbaren kleinformatigen Tuschebilder
von stehenden oder sitzenden Akten in dezenter Farbigkeit. Die Dichterin Ulla Hahn nannte diese
Befindlichkeit einmal: „Flüssig halten die Zeit“.
Diese von Empathie getragenen Werke charakterisieren etliche Phasen von Frantas künstlerischem
Schaffen. Sie sind in entschiedener Weise „typisch“ für ihn. Das hehre Wort „Liebe“ erscheint durchaus
angebracht. Auch stärkerfarbige, das Dunkelerdige und Schattige des Kontinents und seiner klimatischen
Kontraste hervorhebende Gemälde (in Acryl auf Leinwand) stehen für diese Tendenz. Tafeln
wie „Au Repos“ und „Méditation“ sind stummberedte Beispiele. Erst wenn der Betrachter seine unwillkürlich
zur Harmonisierung neigende Sichtweise ändert und seinen Blick intensiviert, fallen ihm
fremdartige, irritierende Details auf. So die Augenbinde und die Handfesseln eines ansonsten unbekleideten
hockenden Mannes – die Attribute kennzeichnen ihn als Gefangengenommenen, als Geisel: „Otage“. An frühere sozialkritische Werkphasen schließt der Künstler mit einem „Street Boy“ an.
Solche Bilder machen einen harschen Eindruck, weil die Wirklichkeit, die sie wiedergeben, krude
ist. Kompromisslos verlangen sie vom Betrachter eine menschliche Anteilnahme. Aktueller Höhepunkt
dieses Aspekts in Frantas Oeuvre ist die große Tafel „Fukushima“. Der Titel sagt in diesem Jahr des
Unheils selbstverständlich genug. Die unabweislichen Eindrücke sind bei jedem denkenden Menschen
noch frisch – der Interpret verweist lediglich auf die malerische Qualität des Gemäldes, vor
allem auf das beißend grelle Ziegelrot zuhäupten der betroffenen Menschen über den Gebäudetrümmern.
Jede weitere Exegese wäre vermessen, so wie der Schreiber dieser Zeilen – offensichtlich
im Einklang mit dem Künstler – jeden verbalen Kommentar über das von Menschen provozierte, von
der Naturgewalt erfüllte apokalyptische Geschehen für unstatthaft hält. Die verantwortlichen Politiker „erklären bereits wieder, Japans Reaktoren seien sicher. Vor dem 11. März meinten sie das ebenfalls“
(Süddeutsche Zeitung vom 15.7.2011). Schon vor einiger Zeit urteilte Agnes de Maistre über
Frantas Werk: „Dans une pensée du Bien et du Mal qui ignore la projection eschatologique, l’Enfer
c’est ici et maintenant et le Paradis est toujours perdu.’’ Dieses Bild ist eine Anklage, ein beispielhaftes
Mahnmal von erschütternder Wucht.
In einer anderen Werkgruppe hat Franta Natur und Menschenwerk auf eine geradezu lapidare Art
konfrontiert. Sie ist in dieser großartigen Ausstellung der Galerie Art 204 mit drei Gemälden (in
Acryl auf Leinwand) vertreten. Titel wie „Désert – Corridor“ und „Désert – Abandon“ sind aussagekräftig,
denn in allen diesen Bildern ist die amorphe, stets veränderliche Geröllwüste Afrikas mit
scharfkantigen Technikfragmenten durchsetzt. Die in glühender Hitze flimmernde grandiose Landschaft
ist durch nutzlos gewordene Maschinenteile verschandelt. Insofern trifft der Gattungsbegriff „Landschaftsbilder“ diese Werke nur bedingt.
Um es überdeutlich zu sagen: Landschaftsgemälde herkömmlicher Art fertigt Franta auch. Ein schönes
Beispiel ist „Paysage africain“, eine fast sandwüstenhafte Trockensteppengegend mit vereinzelten
Schirmakazien. Die optische Anmutung ist hervorragend getroffen. Doch nur wer in einer Region
wie dieser noch niemals - bei knapp fünfzig Graden Celsius, selbst unter der schattenspendenden
Baumkrone! – hat beruflicher Arbeit nachgehen müssen, wird das Ambiente idyllisch finden können.
Die Zeit scheint still zu stehen. Aber natürlich tut sie das in Wirklichkeit ganz und gar nicht. Sie
fließt – sie zerrinnt. Oder – „ein wenig philosophisch“ gefragt: „How long is now?“ So lautet das
Motto dieser zum Nachdenken anregenden Retrospektive.
In der besagten neuen Serie von „Landschaftsgemälden“ erhält die Gattungsbezeichnung eine
besondere problemhaltige Bedeutung: In der großen quadratischen Tafel „Raid“ ist die afrikanische
Wüste in ihrer feinsandigen natürlichen Beschaffenheit gut zu erkennen. In elegant geschwungenem
Bogen zieht sich eine offenbar asphaltierte Straße durch das flache Feld und verliert sich in der Tiefe
des Raums. Wie zur nachdrücklichen Betonung verläuft auf der Fahrbahn ein unterbrochener Mittelstreifen,
der allerdings ins Abseits führt. Die verkehrsregelnde Markierung landet „im Sande“. Und über allem glänzt in der hitzeflirrenden Luft das wunderschöne Segment eines Regenbogens. Ein trügerisches
Naturidyll. Oder gar eine Fata Morgana, eine Vorspiegelung, ein Traum? – Nun, der
Trümmerberg im Vordergrund bringt den Betrachter zurück auf den Boden der Realität. Aggregate
von Motoren – zu identifizieren sind ein Auspufftopf samt Rohren, Krümmer, Schläuche, Elektroleitungen
und mehr – sind komprimiert wie eine Schrottskulptur von John Chamberlain, ein zusammengeballtes
Wrack, eine bildgewordene Karambolage. Der französische Titel bedeutet Fernflug, auch
Luftangriff. Es handelt sich wohl eher um die Reste eines Flugzeugabsturzes. Um einen Klumpatsch,
den Scherbenhaufen der technischen Zivilisation. Ein Totalschaden, wie ihn die Nornen bei Theodor
Fontane konstatieren: „Wie Splitter brach das Gebälk entzwei. Tand, Tand ist das Gebilde von
Menschenhand.“ Da gewinnt Frantas Kunst allegorische Dimension.
Das künstlerische Oeuvre Frantas bezieht seine beeindruckende Wirkung aus der Doppelgesichtigkeit
der Condition humaine. Formal ambivalent zwischen deformierender Abstraktion einerseits und
realistischer Detailschilderung andererseits, bezeugen seine Menschenfiguren erlittene Geschundenheit
und dennoch unbeugsame Würde. Und seine Landschaften widerspiegeln eine ursprünglich
unbeschädigte Natur und ihre Vergewaltigung durch den Menschen. Vehement und eindringlich
erfüllen seine Werke das Postulat Paul Valérys: „Ein Kunstwerk sollte uns immer beibringen, dass wir nicht gesehen haben, was vor unseren Augen liegt
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